Monatsspruch Februar 2020:

«Christus hat euch freigekauft. Lasst euch nicht wieder von Menschen versklaven!»  

(1. Kor 7,23)

 

 

Walkringen

Monatstext für Februar 2020 von Pfarrer Peter Raich

Mr. Dexter B und die moderne Sklaverei

Es ist eigentlich eine unglaubliche Geschichte. Mr. Dexter B. ist Amerikaner und schwerreicher Saatguthändler. Mit seinem Reichtum kann er sich kaufen, wen und was er will. Im Glarner Dorf Schwändi hatte er im Jahr 2007 ein 10 000 Quadratmeter grosses Grundstück erstanden und darauf eine klassizistische Villa mit allem erdenklichen Komfort errichten lassen. Die Umleitung der Kantonsstrasse liess er sich eine halbe Million kosten. Dexter B. hat der Gemeinde und dem Kanton viel Geld in die Kassen gespült. Hat deshalb niemand nachgefragt, wer der Mann eigentlich ist? Nach zwei Jahren wurde bekannt, dass der Saatguthändler antisemitisches Gedankengut verbreitet und Holocaustleugner und Ku-Klux-Klan-Organisationen massiv finanziell unterstützt. In Schwändi und Glarus heisst es heute: «Das haben wir nicht gewusst.» Im Zeitalter der Digitalisierung und der Informationsflut ist dieser Satz fast nicht mehr möglich.

Wer kontrolliert, bestimmt
Dexter B. ist ein Beispiel für das, was Riesenkonzerne weltweit treiben. Sie kaufen den Menschen ihre Unabhängigkeit ab und holen, was sie für sich brauchen. Heute dominieren drei internationale Saatgutkonzerne den weltweiten Markt für kommerzielles Saatgut. Sie sind so mächtig, dass sie auf nationaler und internationaler Ebene Gesetzesänderungen bewirken können, damit ihr Hochleistungssaatgut geschützt wird und gentechnisch veränderte Samen und Pflanzen zugelassen werden. In Freihandelsabkommen verlangen Industriestaaten – darunter auch die Schweiz – strenge Sortenschutzgesetze, die im Süden und im Norden die Züchtung und den Handel mit Saatgut einschränken oder gar verbieten. Diese Gesetze und der Zwang, nur noch zertifiziertes Saatgut zu verwenden, zerstören ein jahrtausendealtes Landwirtschaftssystem und gefährden das Recht auf Nahrung.

Moderne Versklavung der Bauern weltweit
Bäuerliches Saatgut und das Wissen darüber sind seit jeher Grundlage für eine vielfältige und ökologische Landwirtschaft und Ernährung. Doch die Züchtungen durch Kleinbauernfamilien sind gefährdet. Diese sollen ihr Saatgut nicht mehr tauschen und verkaufen dürfen. Auf diesen skandalösen Umstand machen Fastenopfer, Brot für alle und Partner sein während der Ökumenischen Kampagne 2020 aufmerksam.

Uraltes Wissen ist in Gefahr
Weltweit produzieren Kleinbauern und Kleinbäuerinnen über 70 Prozent der Nahrungsmittel. Mit überliefertem Wissen und kontinuierlich weiterentwickelten Anbaumethoden sorgen sie für Artenvielfalt und – besonders wichtig in Zeiten des Klimawandels – sie passen ihre Produktion den veränderten klimatischen Bedingungen an. Seit Jahrtausenden züchten Bäuerinnen und Bauern Samen mit spezifischen Eigenschaften, bewahren, tauschen und entwickeln sie weiter. Diese sind resistenter gegen Schädlinge, Trockenheit oder salzhaltige Böden als industriell und gentechnisch produziertes Saatgut. Für viele bäuerliche und indigene Gemeinschaften in Lateinamerika, Afrika und Asien gilt Saatgut als Erbe ihrer Vorfahrinnen und Vorfahren; es ist eng verwoben mit traditionellem Wissen und Spiritualität.

Brot für alle steht auf der Seite der Bäuerinnen und Bauern Brot für alle macht sich schon seit Jahren stark für die Rechte der Kleinbauernverbände. Seit 2018 erhalten ihre Initiativen endlich auch Zuspruch von den Vereinten Nationen. Nach mehrjährigen Verhandlungen und dank Lobbyarbeit bäuerlicher Organisationen und Hilfswerke wurde die Deklaration für die Rechte von Bauern, Bäuerinnen und weiterer auf dem Land lebender Menschen angenommen. Das Recht auf Saatgut ist dort stark verankert. Die Deklaration ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Bekämpfung von Hunger und Armut.

Auch die Schweiz hat dafür gestimmt. Fastenopfer, Brot für alle und Partner sein setzen sich zusammen mit ihren Partnerorganisationen im Norden und Süden für die Umsetzung dieser Deklaration ein. Gemeinsam fordern sie eine Agrarpolitik, welche die Rechte der Bauern und Bäuerinnen respektiert.

Der Saatgutmilliardär Dexter B. ist wieder zurück in die USA gezügelt. Hierzulande wäre er mit seinen politischen Aktivitäten in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Seine Villa mit Grund steht für 14 Millionen zum Verkauf bereit.

Christus ruft uns zu: «Lasst euch niemals von Geld und Macht solcher Menschen versklaven!»

Peter Raich, Pfarrer

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